Preisträger 2010
Der Mediziner Thomas Pabst ist in einer feierlichen Zeremonie an der Jahresversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie mit dem Hematological Malignancies Award 2010 ausgezeichnet worden. Die fünfköpfige Preisjury unter Leitung von Professor Andreas Tobler würdigt damit eine herausragende Studie(1) über die genetischen Ursachen der akuten myeloischen Leukämie (AML). Die Ergebnisse der Studie zeigen erstmals, dass Keimbahn-CEBPA-Mutationen bei AML-Patienten mit CEBPA-Mutation häufig vorkommen. Zusätzlich wurden somatische CEBPA-Mutationen als vielfach auftretendes Zweitereignis bei AML mit Keimbahnmutationen identifiziert. Damit ist bewiesen: Keimbahn-CEBPA-Mutationen prädisponieren für AML und zusätzliche somatische CEBPA-Mutationen tragen zur Genese der AML bei. Dr. med. Thomas Pabst, Professor für Medizinische Onkologie am Inselspital Bern, wird das von Bristol-Myers Squibb SA gestiftete Preisgeld in Höhe von CHF 100'000 zur vertiefenden Erforschung der genetischen Grundlagen von akuten myeloischen Leukämien (AML) einsetzen.
(1) Thomas Pabst, Marianne Eyholzer, Simon Haefliger, Julian Schardt, and Beatrice U. Mueller: Somatic CEBPA mutations are a frequent second event in families with germline CEBPA mutations and familial acute myeloid leukemia. Journal of Clinical Oncology, Vol 26, No 31; 2008: 5088-5093.
Interview mit Prof. Dr. med. Thomas Pabst
Sehr geehrter Herr Professor Pabst, Ihre Studie über CEBPA-Mutationen bei AML wurde von der Award-Jury als herausragende Arbeit auf dem Gebiet der Hämato-Onkologie bewertet. Was sind die Ergebnisse Ihrer Untersuchungen?
Mit der Mitteilung der Diagnose einer akuten myeloischen Leukämie (AML) tauchen im Patienten Fragen auf, wie sie jedem Tumor Patienten früher oder später durch den Kopf gehen. Es sind die Fragen nach dem „Warum gerade ich?". Während wir als Arzt etwa bei Lungenkrebs Patienten auf den Nikotin Konsum hinweisen können, sind wir bei AML Patienten bei diesen Fragen ratlos. Sehr häufig fragen Patienten auch nach erblichen Ursachen, etwa ob die Krankheit von den Eltern vererbt wurde oder, noch häufiger, ob eine Veranlagung an die Kinder weitergegeben wird. Als Ärzte antworten wir in der Regel, dass vererbte Formen der AML ausgesprochen selten sind. Unsere Arbeit hat nun gezeigt, dass in einem bestimmten Typ der AML, also bei AML Patienten mit einer Mutation im Gen CEBPA, durchaus eine erbliche Veranlagung zur Entstehung der AML vorliegt. Solche Patienten haben in ihrem Erbgut, also in allen Körperzellen, bereits eine Mutation im Gen CEBPA. Diese Veranlagung führt im Alter zwischen 20 und 40 Jahren dann zum Ausbruch einer AML, sobald zusätzliche genetische Veränderungen dazu kommen. Die häufigste zusätzliche Veränderung ist eine zweite („somatische") Mutation im CEBPA Gen. Dabei scheint diese genetische Veranlagung gar nicht so selten, wie wir bisher glaubten. Wir fanden, dass 11% aller AML Patienten mit CEBPA Mutationen letztlich eine vererbte Form der AML haben. Entsprechend fanden wir gehäuft weitere AML Erkrankungen in den Familien dieser Patienten.
Welche Relevanz haben die Ergebnisse Ihrer Studie für die zukünftige Forschung oder für das Management der AML in der Praxis?
Zunächst sollten diese Ergebnisse Ärzte motivieren, vermehrt bei Diagnose einer AML die Patienten nach Tumor-Erkrankungen, insbesondere nach weiteren AML Erkrankungen in der Familie zu fragen. Familiär gehäufte AML Erkrankungen lassen sich auf gezieltes Nachfragen hin oft schon zumindest vermuten. Weiter ist eine AML der häufigste Grund heute für eine Knochenmark Transplantation, vorzugsweise von einem HLA identischen Geschwister. Bei AML Patienten mit CEBPA Mutationen sollte beim Geschwister als Spender deshalb eine familiär vererbte Form einer CEBPA Mutation ausgeschlossen werden. Für unsere Forschung bietet die Analyse von Mitgliedern einer Familie mit vererbten CEBPA Mutationen eine wertvolle Möglichkeit, auf Genom Ebene nach allfälligen weiteren genetischen Ereignissen (Mutationen) zu suchen. Zudem bietet die Analyse von Zellen von gesunden Trägern einer vererbten CEBPA Mutation die Gelegenheit, die Sequenz genetischer Ereignisse zu studieren, welche dann letztlich zum Ausbruch einer AML führen kann.
Was bedeutet die Auszeichnung mit dem Hematological Malignancies Award 2010 für Sie persönlich bzw. für ihre wissenschaftliche Karriere?
Die Auszeichnung ist zunächst für mich persönlich eine große Freude und Befriedigung. Sie bestärkt mich aber auch darin, dass es trotz dem Pensum als Arzt in der medizinischen Dienstleistung möglich bleiben kann, auch wissenschaftlich befriedigend arbeiten zu können. Dieses Modell ist mit dem zunehmenden Effizienzdruck in der Medizin heute schwieriger geworden. Weiter ist eine solche Auszeichnung immer auch eine Auszeichnung für die ganze Forschungsgruppe. Forschung ist kaum je nur die Arbeit eines Einzelnen, sondern meist nur im Team erfolgreich möglich. In diesem Sinne ist die Auszeichnung auch Motivation und Anerkennung für meine ganze Forschungsgruppe.
Wofür werden Sie das Preisgeld in Höhe von CHF 100'000 einsetzen? Wie sehen Ihre zukünftigen Pläne aus?
Das gesamte Preisgeld wird natürlich zurück in meine Forschung fließen. Mein Labor verfolgt aktuell und auch in Zukunft weiterhin Fragestellungen zur Deregulation von Transkriptionsfaktoren in Tumorzellen von Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML). Das Preisgeld wird es ermöglichen, weiterhin die laufende Arbeit meiner hochmotivierten Labor-Mitarbeiter bestmöglich zu unterstützen.
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